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Die richtige Standortwahl

Silicon Valley oder deutsche Provinz?

Wirtschaftsminister Rösler machte sich jüngst auf den Weg ins Silicon Valley um zu lernen, warum so viele erfolgreiche Startups ausgerechnet von dort kommen aber aus Deutschland ziemlich genau keine. Im Valley traf er aber nicht wie erhofft auf Facebook-Chef Marc Zuckerberg, der war zu dem Zeitpunkt in Berlin, sondern nur auf Bild-Chefredakteur Kay Diekmann. Der weilt wiederum schon seit ein paar Monaten im Valley, um ebenfalls zu lernen, wie das mit den neuen Technologien und den erfolgreichen Startups funktioniert.

Dabei hätten beide gar nicht so weit reisen müssen um Startup-Kultur zu lernen, denn Gründer – insbesondere Tech-Gründer – sind überall und auf der ganzen Welt gleich. Egal, ob in San Francisco, Bangalore oder Berlin. Sie ticken alle ähnlich, haben identische Bedürfnisse und teilen die gleichen Sorgen. Es geht um Kapital, Unterstützung, Know-how und das richtige Personal. Und hoppla, da haben wir es schon: Das Silicon Valley bietet genau das! VCs und Business-Angels gibt es dort wie Sand am Meer und man trifft sie in jedem Diner. Die Förderung von Neugründungen ist optimal, Know-how ist reichlich vorhanden und jeder, der in der Tech- und IT-Industrie etwas werden will, landet irgendwie automatisch in der Bay Area. Oder wie es angeblich heißt: “Der schlechteste Entwickler in Silicon Valley ist immer noch besser als der beste Entwickler in deiner Stadt”.

Aber ist es wirklich so einfach? Muss man ins Silicon Valley um erfolgreich zu gründen, oder geht das auch hier bei uns in Mitteleuropa? Ich kenne beide Startup-Welten, das Valley und den Großraum Los Angeles (nach der Bay Area die Region mit den weltweit zweitmeisten Startups) genauso, wie Deutschland mit seinen Hightech-Hochburgen, von Baden Württemberg, über Berlin bis hin zu München. Alles was ich dazu sagen kann: Ja, der Drive und die Atmosphäre im Silicon Valley sind mitreißend und beeindruckend. Gründen würde ich aber dennoch wo anders.

Denn was brauchen denn Gründer? Ganz einfach:

  • Kapital
  • einen ruhigen, kostengünstigen Platz zum Arbeiten und Wohnen
  • Zugriff auf die notwendigen Ressourcen, also meistens lediglich einen schnellen Internetzugang
  • geeignete Mitarbeiter und Partner
  • und gegebenenfalls etwas Hilfe und Rat bei Finanzierung, Entwicklung des Geschäftsmodells und allgemeinen Fragen der Unternehmensführung.

Kapital, VCs und Early-Stage-Investitionen

Schauen wir uns das ganze etwas näher an. Fangen wir mit dem Kapital an. Die dahinter stehende Mathematik ist durchaus komplex. Stichworte sind hier Burnrate, „benötigtes Kapital bis zum Markteintritt“ und ganz besonders ominös, die Bewertung der Markt-Potentiale, von denen wiederum abhängt, wie viel Kapital man in den diversen Finanzierungsrunden erhält. Das sind Dinge, die das VC-Ökosystem im Silicon Valley perfekt beherrscht. Aber will man das? Denn leicht gerät man dort in die Fänge der VC-Industrie und wird dann zum Spielball von Financiers und Banken. Denn eines sollte man wissen: Die professionalisierte VC-Industrie spielt nicht nur nach eigenen Regeln, sondern verfolgt vor alle eine eigene Agenda. Und die muss keinesfalls mit der des hoffnungsfrohen Gründers übereinstimmen.

Man sehe sich nur mal an, wie viele Startups in der VC-Hochburg Silicon Valley gegründet wurden und wie viele davon noch existieren. Die Zahl der VC-finanzierten und mittlerweile beerdigten Gründungen ist riesig! Und dann besteht immer noch die Gefahr, dass man zum Vorteil eines Mitbewerbers geopfert wird. Ich will hier niemandem etwas unterstellen, wenn aber mehrere VCs gleichzeitig und über Kreuz nicht nur in die eigene Firma, sondern auch noch in die Mitbewerber investieren, dann kann das nicht nur gut sein.

Auf der anderen Seite, worum geht es bei einer Gründung wirklich? Mittlerweile weiß man, dass der Finanzbedarf der meisten Gründer in der Startphase lächerlich niedrig ist. Im Schnitt reichen weniger als 5.000 Euro! Der wohl innovativste und prominenteste Early-Stage-Finanzierer Y Combinator beispielsweise finanziert Gründer in der Regel mit lediglich 11.000 Dollar zuzüglich 3.000 Dollar pro Gründer. Bei zwei Gründern sind das also 17.000 Dollar. Ein Klacks! Aber es reicht normalerweise, um etwas Vorzeigbares für die nächste Finanzierungsrunde zu entwickeln. Allerdings ist man dann schon mal im Schnitt sechs bis sieben Prozent seiner Firma los!

Worauf ich hinaus will: Um dieses Geld zu bekommen, muss man nicht in die Ferne schweifen. Das bekommt man auch hier, selbst wenn man in der Provinz wohnt (vorausgesetzt, man hat eine gute, tragfähige Idee). Es gibt jedenfalls mittlerweile ausreichend schnelle Verkehrsmittel, Internet und Telefon um zur Not in Kontakt mit dem Finanzzentrum der nächstgelegenen Großstadt zu kommen…

Aber, wird jetzt so mancher sagen, was ist mit Gründungen die einen besonders hohen Kapitalbedarf haben? Gründungen, bei denen in der ersten, zweiten und vielleicht dritten Finanzierungsrunde zwei bis dreistellige Millionenbeträge fließen müssen wie bei Zalando oder neuerdings Zamora? Meine Antwort darauf kann nur lauten: Ist das wirklich dein Traum? Aus dem Nichts ein Multi-Millionengeschäft machen? Wenn du das drauf hast, dann musst du a) vermutlich nicht meinen Blog lesen und b) sitzt du wahrscheinlich schon im Valley oder in London oder in einem schicken Loft in Berlin. Für alle anderen, die sich in der gleichen Realität wie wir Normalsterblichen bewegen und die nicht Finanzhasardeure sondern Unternehmer sein möchten – und zwar solche, die echte Werte schaffen wollen – gilt: Keep it real!

Kosten für Wohn- und Arbeitsplatz

Aus praktischer Sicht ist der nächste Punkt der größte Nachteil des Silicon Valley. Wäre ich gemein, könnte ich behaupten, dass Gründer im Silicon Valley nur deshalb einen erfahrenen VC brauchen, weil sie sich sonst das Arbeiten und Leben dort nicht leisten könnten. Man sehe sich nur den Median der Wohnkosten im Silicon Valley an. Er gehört zur höchsten Kategorie und liegt bei 1.800 bis 2.000 Dollar pro Monat! Gewerberäume sind da nicht viel billiger. Selbst Co-Workingspaces schlagen in den besseren Gegenden San Franciscos schon mal mit 200 Dollar für 10 Tage zu Buche. Für einen Arbeitsplatz im Großraumbüro! Einen ausführlichen Vergleich der Kosten zeigt auch diese Infografik.

Internet und andere Ressourcen

Ganz ehrlich, darüber muss man doch nicht wirklich nachdenken. Oder? Ok, die Versorgung mit Highspeed-Anschlüssen ist in Deutschland nicht besonders gut und auch beim Web-Index, also der Internet-Bereitschaft von Bevölkerung, Staat und Verwaltung schaut es eher mau aus. Aber Hand aufs Herz: Selbst, wenn man sich auf dem platten Land eine Standleitung mieten müsste, halten sich die Kosten in Grenzen. Zumindest im Vergleich mit einem Umzug in die USA.

Was andere Ressourcen betrifft, etwa Spezialisten für bestimmte Produktionsmethoden, bestimmte Materialien oder spezielles Know-how, schaut es ähnlich aus. Die meisten Branchen sind mittlerweile, zumindest wenn es um Neugründungen geht, die Koordination und das Management betrifft, standortunabhängig. Dem Internet, Telefon und schnellen Verkehrsmitteln sei Dank. Auf der anderen Seite zeigt die Erfahrung, dass Startups, die als Spin-off beziehungsweise aus einer Profession oder einer bestimmten Leidenschaft heraus entstehen sowieso schon dort sind, wo es für sie am besten ist, nämlich dort wo das Fach-Know und die richtigen Ressourcen sitzen. Entweder in der Nähe eines Konzerns mit dem man kooperiert, einer bestimmten Uni oder eben dort, wo die jeweilige Branche stark vertreten ist.

Also lohnt es sich auch diesbezüglich im eigenen Umfeld zu gründen, statt in eines der gehypten Startup-Zentren zu pilgern.

Mitarbeiter

Gerade Gründer haben einen Vorteil: Sie können – nein, Sie müssen – ihr Unternehmen rank und schlank halten. Statt sich mit riesigem Overhead und dem damit verbundenem Aufwand wie Miete und Gebäude-Verwaltung zu belasten, ist es besser auf eine gewisse Virtualität zu setzen. Dank Skype, Cloud-Computing und Web-Apps stellt das heutzutage überhaupt kein Problem dar. Dass man als Startup richtige Büros, mit Empfang, Konferenzräumen und Cafeteria braucht ist eine romantische Vorstellung aus längst vergangen Zeiten. Und damit ist es auch egal, wo die begehrten Mitarbeiter sitzen. Das kann Karatschi, Buxtehude oder San Francisco sein. Man muss nicht unbedingt in der Bay Area seinen Sitz haben um Entwickler aus dem Silicon Valley zu beschäftigen.

Keine Frage, dass muss nicht immer klappen, aber warum sollte man es nicht probieren? Andere führen es ja schon längst erfolgreich vor. Denn eigentlich ist es sogar so, dass man gar keine andere Wahl hat. Erfahrene Spezialisten sind häufig rar und grundsätzlich nur schwer in der benötigten Anzahl an einem bestimmten Ort finden. Ich war vor nicht allzu langer Zeit selbst an einem Projekt beteiligt, für das wir Entwickler mit speziellen Kenntnissen zu einer bestimmten Hard- und Software-Kombination gesucht haben. Die Unternehmensleitung wollte sie alle in ihrem Entwicklungszenntrum hier in Deutschland versammeln. Das wollten aber die Entwickler nicht. Wir fanden nämlich einen in Slowenien, einen im chinesischen Shenzen und einen im Raum Los Angeles. So ist die Realität!

Hilfe und Beratung

Ich unterstütze bereits seit einigen Jahren sowohl Startups, als auch etablierte Unternehmen, die ihre Geschäftsmodelle überdenken wollen (bzw. müssen). Ich verstehe mich aber nicht als Banker und Finanzjongleur sondern als Unternehmer und Kaufmann, der vor allem ein Ziel hat: Nachhaltige Werte zu schaffen!

Insofern kann ich nur raten: Wer das nächste Facebook, Youtube oder Google plant, bitte, gehen Sie ins Silicon Valley. Alle anderen, die mit Leidenschaft ihren Traum verwirklichen wollen und etwas Reales schaffen wollen, mit einem richtigen Geschäftsmodell, sollen bitte hier bleiben! Das gilt auch für Herrn Rösler. Ich kenne zig Gründer und Unternehmer, mich eingeschlossen, die ihm gerne erzählen würden, woran es hakt und wie man es richtig machen könnte, und zwar hier in Mitteleuropa…

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